Meldung
André Lorig über sein Leben mit Morbus Bechterew
„Es gibt keine Probleme, es gibt nur Lösungen“
Text: Thomas Annen;
erschienen am 8. August 2025 in der Saarbrücker Zeitung
– mit freundlicher Genehmigung
André Lorig aus Ottweiler lebt sehr gesund: Er bewegt sich regelmäßig, isst fast keinen Zucker und verzichtet auf Alkohol. Trotzdem ist seine Leber geschädigt, der sogenannte Gamma-GT-Wert liegt vier Mal so hoch, wie er sollte. Neben Hepatitis drohen Lorig bösartige Krebserkrankungen. Grund dafür sind die Nebenwirkungen der Medikamente, die er einnimmt. Auf sie zu verzichten, ist für den 55-Jährigen allerdings keine Option. Denn nur mit den Medikamenten sind die Schmerzen zu ertragen, die ihn rund um die Uhr quälen. Er beschreibt sie als dumpfes Ziehen, vor allem im unteren Rückenbereich und im Gesäß. „Ich wache mit Schmerzen auf und gehe mit Schmerzen ins Bett“, sagt der Saarländer. Nachts kann er sich nicht richtig erholen, die Ein- und Durchschlafschwierigkeiten belasten ihn auch psychisch. „Wenn ich mal vier Stunden am Stück schlafe, dann fühlt sich das an wie Urlaub.“
André Lorig leidet an Morbus Bechterew, einer chronisch-entzündlichen rheumatischen Erkrankung. Betroffen sind vor allem die Wirbelsäule und die Iliosakralgelenke, die die Beckenknochen mit der unteren Wirbelsäule verbinden. Die Autoimmunerkrankung ist unheilbar. Ihre Behandlung soll das Fortschreiten verlangsamen und die Symptome lindern.
André Lorig spritzt sich regelmäßig sogenannte Biologika, die die Entzündungsaktivität im Körper reduzieren, indem sie einen bestimmten Botenstoff blockieren. Wenn er einen Schub hat, nimmt er zusätzlich Schmerzmittel. Als Morbus Bechterew bei ihm vor 14 Jahren festgestellt wurde, war er topfit: Der Ausdauersportler lief mehrere Halbmarathons im Jahr. Er erinnert sich noch gut an die Wochen, in denen sich sein Leben grundlegend veränderte.
Im Herbst 2011 startete er mit Ehefrau Melanie zum einwöchigen Ostsee-Urlaub nach Rügen. Auf der Hinfahrt klagte er über ein knallrotes entzündetes Auge. Hatte er sich vielleicht einen Zug geholt? Da sich der Zustand auch nach der Rückkehr noch nicht gebessert hatte, konsultierte er eine Augenärztin. Sie attestierte ihm eine Regenbogenhautentzündung. Und schob gleich noch eine schlechte Nachricht hinterher: „Das ist typisch für Autoimmunerkrankungen“. Bei der Blutuntersuchung, die ein Internist anschließend veranlasste, wurde ein für Morbus Bechterew typischer Gendefekt festgestellt.
Immerhin: André Lorig erhielt die Diagnose schon nach wenigen, seine Leidensgenossen müssen darauf im Schnitt rund sechs Jahre warten. Deshalb wünscht er sich, dass angehende Ärzte während ihrer Ausbildung mehr über die Erkrankung erfahren. Und das nicht nur aus dem Lehrbuch, sondern im persönlichen Austausch mit Rheuma-Betroffenen.
In der Regel macht sich die Krankheit bereits im Jugendalter oder im jungen Erwachsenenalter bemerkbar. Zu der Zeit hatte André Lorig auch schon ab und zu Rückenschmerzen. Sein Hausarzt schob sie allerdings auf das ausgeprägte Hohlkreuz.
Nach der Diagnose machte sich der damals 41-Jährige viele Gedanken: Kann ich bis zur Rente arbeiten? Habe ich eine verkürzte Lebenserwartung? Sitze ich irgendwann im Rollstuhl? Ein besonders trauriger Moment ist ihm in Erinnerung geblieben: Als die Erkrankung bei ihm festgestellt wurde, hatte seine Frau schon sein Weihnachtsgeschenk gekauft – eine neue Laufhose. „Als ich sie auspackte, hatte ich Tränen in den Augen“, erzählt der Rheuma-Patient. Vom geliebten Sport musste er sich verabschieden: Zunächst reduzierte er das Trainingspensum, 2015 hing er die Laufschuhe dann an den Nagel.
Oft berichten Betroffene über eine Morgensteifigkeit in den Gelenken, die sich beim Bewegen bessert. Noch im Bett müssen sie Übungen machen, um in die Gänge zu kommen. Diese Probleme hat André Lorig nicht: „Ich habe morgens kaum Anlaufschwierigkeiten.“ Menschen, die die Diagnose Morbus Bechterew erhalten, empfiehlt er, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Schließlich geht das Leben weiter.
Und es wird auch nicht verkürzt – zumindest nicht durch die Grunderkrankung. Der Austausch mit anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe helfe, betont Lorig. Er selbst engagiert sich in der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew. Seinen verantwortungsvollen Job kann er bis heute ohne größere Einschränkungen ausüben. Lorig ist Teamleiter bei der Agentur für Arbeit Saarland. Seine Kollegen und seinen Chef informierte er früh über die Erkrankung. „Alle wissen Bescheid“, versichert er. Alle hätten Verständnis – etwa wenn er während einer Besprechung aufsteht, um seine schmerzenden Gelenke zu entlasten.
Weil der Angestellte trotz der Erkrankung fest im Berufsleben steht, wurden er und sein Arbeitgeber 2023 mit dem Rheumapreis ausgezeichnet. Die Krankheit kommt in Schüben. Es gab schon Tage, an denen Lorig praktisch bewegungsunfähig war, an anderen hat er nur geringe Beschwerden. „Bewegung ist das A und O“, sagt der Betroffene. Sobald er länger sitzt oder liegt, werden die Schmerzen stärker. Physiotherapie hilft, die Muskeln zu kräftigen und die Wirbelsäule beweglich zu halten.
Auch sein Hund Buster hält ihn auf Trab. Täglich ist Lorig mit dem vierjährigen Mischling unterwegs. Was die Zukunft bringt, weiß er nicht: Aufgrund der modernen Behandlungsmethoden wird er wahrscheinlich von einem Rundrücken, den Betroffene früher häufig hatten, verschont bleiben. Vielleicht brennt die Krankheit sogar irgendwann aus – sodass er wieder ohne Schmerzmittel leben kann. Egal was kommt, Lorig will die Herausforderungen optimistisch angehen: „Es gibt keine Probleme, es gibt nur Lösungen. Das gilt für meine Arbeit, aber auch für die Erkrankung.“
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