Was tun, wenn Krankheitsaktivität, Schmerzen und Erschöpfung zunehmen?

„Krankheit und Beruf frühzeitig verbinden“, war eine Aussage, die Herr Dr. Gehlen während unseres Gespräches getroffen hat und die für uns eine wichtige Kernaussage darstellt.

Es ist wichtig, sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen, wie man langfristig seinen Beruf ausüben kann und nicht erst dann, wenn es immer schwieriger wird den beruflichen Anforderungen gerecht zu werden, weil Krankheitsaktivität, Schmerzen und Erschöpfung zunehmen. Ein möglicher Schritt dem zu begegnen, ist, eine Rehabilitation (Reha) zu beantragen.

Dabei ist es wichtig, direkt zu Beginn der Reha Probleme, die bei der Bewältigung der Arbeit in Zusammenhang mit der Erkrankung auftreten, beim Behandler-Team anzusprechen. Mit Unterstützung der Ärzte und Therapeuten kann während der Reha an Perspektiven für die berufliche Zukunft gearbeitet werden, um die Krankheit und die beruflichen Anforderungen besser zu verbinden.

Um die Möglichkeiten vorzustellen, die eine Reha bieten kann und zu erläutern, welche entscheidenden Weichen durch eine Reha für die Zukunft gestellt werden können, hat Herr Dr. Gehlen (Chefarzt der Reha-Klinik „Der Fürstenhof“ Bad Pyrmont) für uns den nachfolgenden Artikel erstellt.


 

Medizinisch beruflich orientierte Reha

Axiale Spondyloarthritis- Beruf und Erkrankung

Entzündlich-rheumatische Erkrankungen haben Auswirkungen auf die Gestaltung des Alltages und die Leistungsfähigkeit im Beruf. Dieses gilt in besonderem Maße für Erkrankungen aus dem Formenkreis der Spondyloarthritiden (axiale Spondyloarthritis/ M. Bechterew und Psoriasis Arthritis). Die beruflichen Probleme müssen frühzeitig identifiziert und bearbeitet werden. Nur so kann verhindert werden, dass Patienten in die Lage geraten, nicht mehr ihrem Beruf nachgehen zu können und erwerbsunfähig zu werden. Selbsthilfegruppen wie der DVMB und den rheumatologischen Rehabilitationskliniken kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.

Unterstützung von der DVMB bei beruflichen Einschränkungen durch Morbus-Bechterew

Die Aktivitäten von Selbsthilfegruppen gehen weit über gemeinsames Training und allgemeine Krankheitsinformationen hinaus. Mitglieder der DVMB können bei krankheitsbedingten beruflichen Schwierigkeiten Informationen erhalten. Insbesondere kann durch den Erfahrungsaustausch frühzeitig  über die Möglichkeiten einer rheumatologischen Rehabilitation zum Erhalt der Erwerbsfähigkeit oder über ambulante Maßnahmen informiert werden.

Berufliche Beratung in der rheumatologischen Rehabilitation

Der Erhalt der Erwerbsfähigkeit ist ein wichtiges Ziel der rheumatologischen Rehabilitation. Im Rahmen des MBOR-Programms (MBOR = Medizinisch-Beruflich-Orientierte Rehabilitation) erfolgt eine umfassende Beratung. Eine Reihe von beruflichen Hilfestellungen kann gegeben werden.

Mit der stationären Aufnahme in einer rheumatologischen Rehabilitationsklinik werden die Patienten einer der folgenden drei Gruppen zugeordnet: „keine beruflichen Probleme“, „deutliche Belastung durch den Beruf bei noch erhaltener Arbeitsfähigkeit“ und „besondere berufliche Problemlage“. Eine „besondere berufliche Problemlage“ liegt vor bei längerfristiger Arbeitsunfähigkeit oder fehlender Perspektive, in einen Beruf zurückzukehren. Dabei gilt: je früher die beruflichen Schwierigkeiten erkannt und bearbeitet werden, um so besser sind die Erfolgsaussichten.

In der Rehabilitation arbeiten die verschiedenen Berufsgruppen eng zusammen und bilden das MBOR-Team: Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten. Jede dieser Berufsgruppen hat im Rahmen der MBOR eine spezifische Aufgabe und wirkt mit an dem übergeordneten Ziel des Erhalts der Erwerbsfähigkeit.

  • Ärzte (Rheumatologen und Sozialmediziner)

Die Aufgabe der Rheumatologen besteht darin, die krankheitsbedingten körperlichen und psychischen Einschränkungen eines Patienten zu erfassen. Diese Einschränkungen werden in Relation gesetzt zu der bisherigen Arbeit. Es stellt sich konkret die Frage, ob der Patient noch in der Lage ist, die bisherige Arbeit weiterzuführen oder nicht.

  • Psychologen

Viele Patienten mit rheumatischen Erkrankungen entwickeln psychische Probleme, umgekehrt können psychische Probleme körperliche Symptome verstärken. Es geht darum, die psychischen Probleme zu identifizieren, die Auswirkungen auf die Erwerbsfähigkeit haben. In den psychologischen Anwendungen erlernen die Patienten einen besseren Umgang mit beruflichem Stress und chronischer Müdigkeit (Fatigue).

  • Sozialarbeiter

Die Sozialarbeiter prüfen, welche Ausbildungen der Patient abgeschlossen hat und wie viele Arbeitsunfähigkeitszeiten auftreten. Sie beraten, welche finanziellen Leistungen möglich sind. Dieses kann z.B. die Bezugsdauer des Krankengeldes oder des Arbeitslosengeldes sein. Außerdem erhalten die Patienten Informationen zu beruflichen Fördermaßnahmen (z.B. einer Umschulung). Eine stufenweise Wiedereingliederung wird vom Sozialdienst mit dem Arbeitgeber abgestimmt.

  • Physiotherapeuten

Die therapeutischen Anwendungen imitieren die beruflichen Beanspruchungen. Neben der Therapie haben die Anwendungen auch einen diagnostischen Hintergrund. Der Patient und der Therapeut simulieren an Trainingsgeräten berufliche Tätigkeiten. Dabei testen sie gemeinsam, ob diese Aspekte der Arbeit wieder möglich sind. Konkret bedeutet das, dass bei einem Büroangestellten immer die Nacken- und Schultermuskulatur trainiert wird, weil durch die Tätigkeit am PC das Risiko von Haltungsproblemen in diesem Bereich sehr hoch ist. Patienten, die in der Alten- und Krankenpflege arbeiten, haben eine besonders hohe Beanspruchung der Lendenwirbelsäule. Patienten, die in einer Bäckerei arbeiten, müssen oft Backwaren über Kopf heben und beanspruchen so ihre Schultern.

  • Ergotherapeuten

An speziell ausgestatteten Musterarbeitsplätzen werden die Abläufe des Berufes geübt. Diese Musterarbeitsplätze können z.B. ein Pflegebett oder ein PC-Arbeitsplatz sein. Dort wird die Körperhaltung überprüft und ggf. korrigiert. Hinweise für Hilfsmittel oder für eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung werden gegeben.

  • Begutachtung der Erwerbsfähigkeit im MBOR-Team

Patienten mit beruflichen Problemlagen erhalten Termine bei jeder der genannten Berufsgruppen. Jede Berufsgruppe fasst ihre Ergebnisse zusammen. Es folgt eine gemeinsame MBOR-Sitzung, in der diese Ergebnisse besprochen werden und die finale sozialmedizinische Begutachtung erfolgt. Auf der Basis dieser Begutachtung entscheidet die Deutsche Rentenversicherung, ob Fördermaßnahmen bewilligt werden oder ob eine Erwerbsminderungsrente indiziert ist. Die Begutachtung muss sehr fundiert sein, weil davon der gesamte weitere Lebensweg eines Patienten abhängen kann.

  • Hilfestellungen

Durch die Empfehlung der Rehabilitationsklinik können bei der Deutschen Rentenversicherung unter anderem Umschulungsmaßnahmen, Weiterbildungsmaßnahmen und Wiedereingliederungshilfen beantragt werden. Eine innerbetriebliche Umsetzung oder eine ergonomische Ausstattung des Arbeitsplatzes können empfohlen werden.

Konkrete Situation in Niedersachsen

Die Möglichkeiten für Unterstützung bei beruflichen Problemen von Menschen, die an rheumatischen Erkrankungen leiden, sind in Niedersachsen besonders gut. Das liegt an dem starken DVMB-Landesverband, der eng mit den vier rheumatologischen Rehabilitationskliniken (Bad Bentheim, Bad Eilsen und zwei Kliniken in Bad Pyrmont) zusammenarbeitet.

 

Dr. Martin Gehlen

Internist, Rheumatologe, Osteologe DVO, Sozialmediziner

Chefarzt der Rehabilitationsklinik DER FÜRSTENHOF in Bad Pyrmont

 

Fachklinik für Rheumatologie, Osteologie, Orthopädie und Gynäkologie

Klinisch-osteologisches Schwerpunktzentrum DVO, Osteologisches Forschungszentrum DVO

Ultraschall-Ausbildungsabteilung der DEGUM

Lehrauftrag für Rehabilitation der Medizinischen Hochschule Hannover

Beratender Arzt der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew Niedersachsen